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Frühe Immersion Didaktisch-Methodische Prinzipien Petra Burmeister (PH Weingarten) Anja Steinlen (Universität zu Kiel) Early Language and Intercultural Acquisition Studies Multilateral Comenius Project funded by the European Commission
Hintergrund: EU Aktionsplan "Fremdsprachenkenntnisse gehören zu den Kernkompetenzen, die jeder Bürger benötigt für Ausbildung, Beschäftigung, kulturellen Austausch und persönliche Entfaltung. … Für die Mitgliedstaaten ist es vorrangig sicherzustellen, dass das Sprachenlernen schon im Kindergarten und in der Grundschule wirksam wird, denn bereits hier werden die entscheidenden Einstellungen gegenüber anderen Sprachen und Kulturen ausgebildet und die Fundamente für den späteren Fremdsprachenerwerb gelegt. " Fremdsprachenlernen "in mindestens zwei Sprachen vom jüngsten Kindesalter an" Europäische Kommission: Aktionsplan für das Sprachenlernen und die Sprachenvielfalt 2004 2006, S. 7 Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Immersion Bilinguale Bildung durch die Immersionsmethode: Prinzip Immersion: "Eintauchen ins Sprachbad" der Fremdsprache die Fremdsprache (L 2) wird im Unterricht / im täglichen Umgang als Kommunikationsmittel verwendet (kein Fokus auf das Lehren von Grammatik) In bilingualen Schulen ist die L 2 Unterrichtssprache In bilingualen Kindergärten werden Aktivitäten und tägliche Routinen in der L 2 durchgeführt Mindestens 50% der täglichen Aktivitäten oder des Unterrichts finden in der L 2 statt (Genesee 1987, Wode 1995, Zydatiß 2000) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Immersion Ergebnisse kanadischer Immersionsstudien (z. B. Wesche 2002) • das Fachwissen wird nicht negativ beeinflusst • die Entwicklung der Muttersprache leidet nicht • L 2 Kompetenzen sind deutlich höher als im herkömmlichen Fremdsprachenunterricht • positivere sozio psychologische Haltung • geeignet für sowohl starke als auch schwächere Lerner Verbesserung von Sprachkompetenz und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten ohne negative Auswirkungen auf Fachwissen oder die Erstsprache Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Gründe für den frühen L 2 -Erwerb Die Kinder Ø erwerben die L 2 wie ihre L 1, indem sie: beobachten, zuhören und indem sie in/mit der L 2 handeln Ø erwerben die L 2 implizit, als ein „Nebenprodukt“ der Handlungen Ø sind nicht in der Lage, ihren Spracherwerbsprozess bewusst zu organisieren / zu beeinflussen (Sprache wird konstruiert) Ø lieben es mitzusingen, mit Sprache zu spielen, zu imitieren „Die L 2 -Grammatik „entsteht“! (unbewusster Prozess) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Verständlicher Input "Die Herausforderung besteht darin, den Stoff mit Hilfe von Mimik und Gestik, Bildern, Fotos, Gegenständen derart anschaulich zu präsentieren, dass das Kind jeweils eine Beziehung zwischen dem gerade Gesagten und dem Gezeigten sowie dessen Bedeutung bzw. Funktion herstellen kann. " (Lorenz & Met 1989: 37) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Verständlicher Input Erzieher müssen die L 2 kontextualisieren Ø non verbal, durch Körpersprache, Gesten, Mimik, Pantomime Ø Verbal, durch Wiederholungen, Paraphrasen, Intonation, Vervollständigungen, Ausschmückungen, "ear catchers": oh, look at this! ("caretaker speech / motherese") Ø mit externen Hilfsmitteln, wie Bildern / visuellen Hilfen, konkreten Objekte und Materialien, Filmen, etc. Die Beziehung zwischen Sprache und Situation muss in jedem Augenblick deutlich sichtbar sein! Methode: „Stummfilmtechnik“ (z. B. Burmeister 2006 a, b, c, 2007; Burmeister & Steinlen 2008; Lyster 2007; Snow 1990; Weber & Tardif 1991) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Verständlicher Input Medien: Bilderbücher Lernkarten Basteln Fotos Objekte Filmen etc. (Akerman & Thomas 2009) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Eine reichhaltige Lernumgebung Experimentelles Lernen / Lernen durch Erforschen: Sprache gewinnt an Bedeutung in Aktivitäten, die es den Kindern ermöglichen Inhalte zu erforschen Konzepte zu begreifen Ihr Wissen und ihre Fähigkeiten anzuwenden Bereitstellung von Lernzentren mit interessanten Experimenten, etc. So können Kinder zeigen was sie bereits verstanden haben (auch non verbal)! Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Verständlicher Output Bedeutungsverhandlung Erzieher. Innen sollten Kindern häufig die Möglichkeit geben Ø verbal zu interagieren (L 1 and L 2) Ø sich selbst auszudrücken (verbal oder non verbal) (z. B. Day & Shapson 1991; Harley 1993; Long 1996, Lyster 2007; Met 1999; Snow 1989; Swain 1985, 1988, 2001) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Sprachliche Gerüste Erzieher. Innen sollten den Kindern sprachliche Gerüste anbieten, um ihren Spracherwerbsprozess zu unterstützen: Zeitliche und organisatorische Gerüste: Routinen (Themen, Aufräumen, Morgenkreis, Essen) Signale für Routinen (Glocke, Bilder, Symbole, Zeichen) Sprachliche Gerüste: Formeln, formelhafte Redenwendungen, viele Wiederholungen Lieder, Reime, Spiele als Signale etc. Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
L 2 -Erzieher. Innen gebrauchen die L 2 durchgehend sprechen jederzeit (Sprache und Handlung gehören zusammen) vereinfachen die L 2 nicht, sondern bieten lexikalisch und strukturell reichhaltigen Input an sprechen manchmal langsamer, um eine Äußerung zu betonen übersetzen nicht von der L 2 in die L 1 aber: übersetzen die L 1 Äußerungen der Kinder in die L 2 sind ein Sprachvorbild und erweitern und paraphrasiern die L 2 Äußerungen der Kinder (vgl. Tardif 1994) wiederholen die L 2 Äußerungen der Kinder und bieten somit das zielsprachengerechte Sprachmodel (recasts) Ermutigen die Kinder mitzusingen, „zwingen“ sie aber niemals dazu, die L 2 zu gebrauchen. Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Die Kinder verstehen worum es geht, sofern der Input verständlich ist (d. h. kontextualisiert wird) sind in der Lage, einzelne Wörter oder Phrasen im jeweiligen Kontext zu erkennen sind es gewöhnt, nicht jedes Wort zu verstehen antworten im ersten Jahr in ihrer L 1 singen in der L 2 schon sehr früh mit brauchen Zeit, bis sie die L 2 kreativ benutzen (d. h. eigene Äußerungen konstruieren) mischen die Sprachen ("Gib mir mal die milk"), machen Fehler und kümmern sich nicht um Korrekturen/Verbesserungen Die meisten dieser Fehler sind Beispiele für systematische Lernerfehler (z. B. he *wented) und zeigen, dass die Kinder auf dem richtigen Weg sind. (Wode 1988/1993) Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Die Entwicklung der L 2 -Englisch in deutschen Kindergärten Die Kinder Ø „verstehen“ schon nach einigen Tagen was um sie herum passiert Ø benutzen schon nach ca. drei Monaten erste Wörter / kurze Phrasen (zusätzlich zu Liedern und Reimen) Ø nach ca. einem Jahr produzieren manche schon ihre ersten „eigenen“ Sätze Die inter und intraindividuelle Variation ist groß, u. a. durch die Präferenz für bestimmte Aktivitäten und der variierenden L 2 Kontaktzeit. Was die Sprachentwicklung von Jungen und Mädchen betrifft, konnten bisher keine Unterschiede beobachtet werden. Das Verstehen von Wörtern und grammatikalischen Phänomenen steigt signifikant an (das Hörverstehen geht der Sprachproduktion voraus). Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Die Entwicklung der L 2 -Englisch in deutschen Kindergärten Beispiele Forscher: Show me the mouth! [zeig mit den Mund] Kind: Die Maus is nich da. Forscher: Look at the ducks over there! [Guck mal die Enten da drüben] Kind: Das ist doch kein Dachs! Kind: Eric is red, Paul is dead – and Tini is fat! Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Godene Regeln für eine erfolgreiche Erfahrung mit früher Immersion: Es ist wichtig, dass die Eltern: • das Immersionskonzept voll unterstützen und an das Programm glauben • sich dafür interessieren, was ihre Kinder ihnen über die Zweisprachigkeit erzählen • an Kita und Schul Aktivitäten teilnehmen • ihren Kindern regelmäßig auf Deutsch / in ihrer L 1 vorlesen • viel mit ihren Kindern in der Muttersprache sprechen • ihre Kinder ermutigen, die L 2 zu sprechen, sie aber nicht nötigen, sie z. B. vor Freunden zu produzieren • eng mit dem pädagogischen Team zusammenarbeiten • keine übertriebenen Erwartungen haben Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
Ausgewählte Quellen Akerman, S. & Thomas, S. (2009). Green Immersion: Magdeburg‘s Bilingual Zoo Kindergarten. Paper presented at EZE, Cologne: Zoological Garden Cologne. Burmeister, P. (2006 a). Immersion und Sprachunterricht im Vergleich. In: M. Pienemann, J. U. Keßler & E. Roos. (eds. ). Englischerwerb in der Grundschule. Ein Lehr und Arbeitsbuch. Paderborn: Schöningh/UTB, 197 216. Burmeister, P. (2006 b). Frühbeginnende Immersion. In: Jung, U. (ed. ) Praktische Handreichung für Fremdsprachenlehrer. Frankfurt am Main: Peter Lang, 385 391. Burmeister, P. (2006 c). Bilingualer Unterricht in der Grundschule. In: J. P. Timm (ed. ). Fremdsprachenlernen und Fremdsprachenforschung: Kompetenzen, Standards, Lernformen, Evaluation. Tübingen: Narr, 197 212. Burmeister, P. (2007). Fremdsprachliches Sachfachlernen im Anfangsunterricht. Take off! Zeitschrift für frühes Englischlernen, 1, 2007, 6 9. Burmeister, P. & Steinlen, A. (2008). Sprachstandserhebungen in bilingualen Kindertagesstätten. In: G. Blell & R. Kupetz (eds. ). Fremdsprachenlehren und –lernen. Prozesse und Reformen. Frankfurt am Main: Peter Lang. 129 146. Day, E. M. & Shapson, S. M. (1991). Integrating formal and functional approaches to lan guage teaching in French immersion: an ex perimental study. Language Learning 41 (1), 25 58. Genesee, F. (1987). Learning through two languages: Studies of immersion and bilingual education. Cambridge, MA: Newbury House. Harley, B. (1993). Instructional strategies and SLA in early French immersion. Studies in Second Language Acquisition 15, 245 259. Krashen, S. D. (1982). Principles and practice in second language acquisition. Oxford: Pergamon. Long, M. H. (1996). “The role of the linguistic environment in second language acquisition”. In: Ritchie, W. C. & T. K. Bhatia (eds. ), Handbook of second language acquisition. San Diego, CA: Academic Press. 413 468. Petra Burmeister, Anja Steinlen Frühe Immersion: Methoden & Praktiken Early Language and Intercultural Acquisition Studies
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